„Ich nehme die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger sehr ernst und trage zugleich Verantwortung für die kommenden Generationen sowie die Zukunft unserer Stadt. Genau dieses Spannungsfeld macht die Entscheidung zum Ausbau der Windenergie in Seppenrade so anspruchsvoll“, sagt Bürgermeister Ansgar Mertens zu den Planungen der Bürgerwind Seppenrade GmbH & Co. KG, Winenergieanlagen im Seppenrader Außenbereich zu errichten.
Die Diskussion hat sich zugespitzt
Zunächst gab es Widerstände gegen einzelne Anlagen, inzwischen gibt es auch eine Initiative, die das Vorhaben grundsätzlich ablehnt. Gleichzeitig stehen verbindliche Zielbeschlüsse von Politik und Verwaltung, sowie wirtschaftliche Rahmenbedingungen der Projektträger im Raum. „Mir sind Transparenz und Information wichtig. Deshalb lege ich den aktuellen Planungsstand offen, damit alle wissen, wo wir stehen“, so Mertens.
In den vergangenen zwei Jahren hat der Bürgermeister intensiv zwischen allen Beteiligten vermittelt: betroffenen Nachbarinnen und Nachbarn, Flächeneigentümern, Vorhabenträgern, Verwaltung und Politik. Ziel war es dabei die Konflikte zu erkennen, Belastungen zu reduzieren und die Planung zu verbessern. „Dieser Prozess war nicht ‚Show‘ “, betont Mertens. Ein Ergebnis ist eine deutlich veränderte Planung: Aus ursprünglich 8 vorgesehenen Anlagen auf Lüdinghauser Gebiet sollen nach heutigem Stand noch 5 realisiert werden. Das zeige, dass Anwohnerbelange aufgenommen und Standorte zurückgenommen wurden.
Inhaltlich verweist Mertens auf die beschlossene politische Zielrichtung der Stadt: Mit dem Konsens 2032 und dem Ziel der bilanziellen Klimaneutralität bis zum 31.12.2032 habe sich Lüdinghausen verpflichtet, die Energiewende konkret umzusetzen. „Klimaneutralität kommt nicht von allein; sie braucht Maßnahmen und Flächenentscheidungen.“ Gleichzeitig bleibe sein Anspruch, Klimaschutz nur dann erfolgreich zu gestalten, wenn möglichst viele diesen Weg mittragen. Er habe jedoch gelernt: Bei Windenergie gelingt das nicht vollständig. Windkraft polarisiere. Es gebe berechtigte Sorgen um Wohnumfeld, Landschaftsbild und Zumutbarkeit und ebenso berechtigte Erwartungen, Klimaziele ernst zu nehmen und regionale Wertschöpfung zu ermöglichen. Diese Spannung lasse sich nicht wegmoderieren, sondern nur fair austarieren.
Verantwortungsvolle Planungen
Mertens betont: Windkraft in Seppenrade ist grundsätzlich vertretbar und zumutbar, wenn sie verantwortungsvoll geplant wird und Schutzstandards eingehalten werden. „Ich setze mich politisch für den Ausbau erneuerbarer Energien in Lüdinghausen und Seppenrade ein. Nicht aus Ideologie, sondern weil es ökonomisch richtig ist und die Transformation für kommende Generationen entscheidend sein wird. Die aktuelle weltpolitische Lage und der Blick auf die Explosion der Ölpreise zeigen uns, dass wir unabhängig von den Krisenherden dieser Welt werden müssen. Das ist für mich keine Glaubensfrage, sondern Realität.“
Zugleich bleibt der Standort der Windenergieanlage an der Reckelsumer Straße der strittigste Punkt. Er wird von Nachbarn und Politik aufgrund der Nähe zum allgemeinen Siedlungsbereich weiterhin kritisch gesehen. Deshalb verhandelt die Verwaltung im Auftrag der Politik erneut mit den Investoren. Nach deren Einschätzung ist dieser Standort jedoch für die Realisierbarkeit des Gesamtprojekts besonders bedeutsam. Mertens sagt offen: „Es kann sein, dass es am Ende keine Lösung gibt, die alle zufriedenstellt, ohne das Gesamtvorhaben zu gefährden.“ Für ihn bleibe dennoch klar: Wo es realistische Spielräume gibt, müsse weiter an Verbesserungen gearbeitet werden.
Ähnliche Zielkonflikte habe es in der Vergangenheit auch bei anderen Energieprojekten wie der Freiflächen-Photovoltaik in Ondrup gegeben. Damals ging es um fruchtbare landwirtschaftliche Flächen, heute um Windenergie und das Landschaftsbild, morgen womöglich um Stromnetze, Speicherstandorte oder Wärmeversorgung. „Der Konflikt ist unausweichlich, aber er darf nicht dazu führen, dass am Ende gar nichts mehr möglich ist.“
Jetzt ist die Politik am Zuge
Nach zwei Jahren Vermittlung und Anpassungen sei ein Punkt erreicht, an dem weiteres Vertagen vor allem Unsicherheit verlängere. Die Angelegenheit wird nun dem Stadtentwicklungsausschuss am 28. April 2026 zur Beratung und Entscheidung vorgelegt. „Wir sind allen Seiten eine Entscheidung schuldig“ – den betroffenen Nachbarn, die Klarheit brauchen, den Vorhabenträgern, die Planungssicherheit benötigen, und der Stadtgesellschaft insgesamt angesichts der verbindlichen Klimaziele. Entscheidend seien nun eine offene, faire Abwägung und anschließend eine verantwortliche Entscheidung. Wenn die Gremien die überarbeitete Planung tragen, halte auch ich sie insgesamt für verantwortbar. Bei der Windenergieanlage „Reckelsumer Straße“ bleibe ich bei dem Ziel, jede realistische Verbesserungen zu erreichen.
„Unabhängig vom Ausgang sage ich zu: Ich werde transparent über die nächsten Schritte informieren, ich werde weiter respektvoll mit allen Beteiligten sprechen und ich werde Entscheidungen konsequent an den politischen Zielen unserer Stadt ausrichten. Mein Fazit: Es gibt keinen goldenen Mittelweg. Aber es gibt einen verantwortbaren Weg, wenn wir ehrlich abwägen. Am Ende gilt: Wir müssen handlungsfähig bleiben.“

